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Der Mann,
der "Softly" sang
Ein Interview mit Shaun Nielsen - Exklusiv für Graceland:
Deutsche Übersetzung: Andereas Warmuth
Shaun Nielsen ist sicher jedem von uns Fans hinreichend bekannt. Wir
kennen seine quirlig gesungenen italienischen Versionen von "It's Now Or
Never". Wir kennen seine Stimme von Liedern wie "Softly", "Mr. Songman"
und anderen. Hundertfach erwähnte Elvis seinen Namen während seinen
Auftritten. Und doch wissen wir fast nichts über Shaun (ehemals Sherill)
Nielsen. Und es steckt mehr in diesem Mann als ich dachte. Nachdem unser
Ehrengast Harold Lloyd aus gesundheitlichen Gründen nicht zu unserem
Treffen nach Bad Nauheim kommen konnte, konnten wir Shaun als "Ersatz"
engagieren. Im Vorfeld zum Meeting hatten wir dann die Möglichkeit, ihn
näher kennenzulernen.
Andere Freunde aus Elvis' Gefolgschaft spielten sich beim Fantreffen
mittlerweile so auf, als wollten sie sagen: "Elvis ist nun mal tot. Also
dürft ihr mich jetzt verehren, denn ich war ja sein "Freund". Bei Shaun
war das nicht so.
Nachdem er mit mit dem "O Sole Mio"-Gejodel oftmals auf den Keks ging,
halte ich nun, nachdem ich ihn besser kennengelernt habe, sowohl
künstlerisch als auch menschlich, sehr viel von ihm.
Nach einem lustigen Abend gab er Bernd Seibel und mir im Hotelzimmer dann
noch ein Interview, in dem er einige seiner Gedanken und Erinnerungen an
uns Fans weitergab.
B.S.: Zuerst einmal... Mr. Sherill Nielsen... willkommen in Deutschland,
das ist nun schon das zweite Mal?
Shaun: Richtig, ich danke dir. Es ist mir eine Freude, hier sein zu
dürfen. Als ich zum ersten Mal hier war, war ich in Kaiserslautern.
B.S.: Aber jetzt bist du alleine! Shaun, unsere erste Frage: Wann hast du
Elvis Presley zum ersten Mal getroffen?
Schaun: DAs war, glaube ich, 1966. Ich war damals Mitglied in derGruppe
"The Imperials". Wir hatten eine Morgen-Sendung im Fernsehen, die in
Nashville aufgenommen wurde. Und bei der Ausstrahlung sah er uns. Das lief
immer so um 6.00 Uhr morgens. Normalerweise war er ohnehin die ganze Nacht
wach. So konnte er sich unsere Show ansehen und dann zu Bett gehen. Und
dann irgendwann bereitete er sich darauf vor, das "How Great Thou
Art"-Album aufzunehmen. Und da fragte er Felton Jarvis, ob er uns anrufen
und fragen könne, ob wir vielleicht mit ihm auf seinem nächsten Album
singen könnten. Natürlich brauchten wir nicht lange überlegen bis uns klar
wurde, dass wir das liebend gern tun würden. Und bei dieser ersten Session
sah ich ihn zum ersten Mal. Es war die "How Great Thou Art"-Session. War
"How Great Thou Art" nicht die einige Aufnahme, für die er einen Grammy
bekam?
B.S.: Er bekam insgesamt drei Grammys. Zwei davon für "How Great Thou
Art". Einen für das Album und einen für seinen Vortrag im Jahr 1974, der
auf der "On Stage in Memphis"-LP zu hören war. Ich glaube, damals warst du
auch mit ihm auf der Bühne.
Shaun: Ja, ich war da. Ich war also an zwei seiner Auszeichnungen
beteiligt, könnte man sagen. Das ist schon etwas besonderes.
B.S.: Ich denke, du warst schon damals mit dem Namen Elvis Presley
vertraut. Wer war das nicht, damals 1966?
Shaun: Ich erinnere mich daran, als ich etwa 14 oder 15 Jahre alt war.
Damals hatte ich gerade meine Fahr-Erlaubnis bekommen und ein Freund lieh
mir sein Auto. Damit fuhren wir die Straße entlang und drehten das
Autoradio auf, wenn sie "Hound Dog" spielten. Wir drehten dann die
Lautstärke so hoch sie nur ging. Ich wuchs in einer sehr religiösen
Familie auf und das einzige Mal, dass meine Eltern zuließen, dass ich
nicht zur Kirche gehen musste, war, als Elvis Sonntag-Abend in der Ed
Sullivan Show auftrat. Ich war also wirklich schon seit langem mit Elvis
vertraut.
B.S.: Dir ging es also genauso wie uns hier in Europa damals. Aber damals
hättest du dir nie träumen lassen, dass du Elvis je wirklich treffen
würdest.
Shaun: In meiner wildesten Fantasie hätte ich mir nie vorstellen können,
dass ich je mit ihm auf einem Album singen würde. Ich hatte extremes
Glück.
B.S.: Hast du irgendwelche besonderen Eindrücke von der ersten Session vom
Mai 1966?... von den Songs oder den Umständen?
Shaun: Die Sache war für mich besonders aufregend, weil.... ich erinnere
mich daran, wie ich ihn zum ersten Mal sah, als er durch die Tür kam und
er war gekleidet mit einem schwarzen Anzug, den er auf der Beale Street
gekauft hatte. Er hatte einen "Superfly"-Hut und ein Cape. Und ich
erinnerte mich daran, dass er erst einmal das Cape auszog und sich umsah.
Ich stand in einer Ecke und wäre am liebsten eins mit dem Tapetenmuster
geworden. Ich wurde mit der Situation erst gar nicht fertig. Ich stand nur
herum und überlegte mir, dass ich wahrscheinlich noch nie so viele Talente
auf einem Album gesehen habe. Da war ich, die 'Jordanaires', die anderen
'Imperials', die Anita Kerr Singers und einige der besten Musiker aus ganz
Nashville. Und die sah ich schon alle bevor Elvis dann noch im Studio
auftrat. Du kannst dir also meine Nervösität in dieser Situation
vorstellen. Aber er kam direkt auf mich zugelaufen und das schockte mich
ungemein. Ich fragte mich, was ich wohl falsch gemacht habe, aber er
streckte mir nur die Hand entgegen und sagte: "Hi, ich bin Elvis Presley"!
Als ob ich das nicht gewusst hätte. Irgendwie hatte ich mir das schon
vorher gedacht. "Ich will, dass du weißt, dass ich all deine Schalplatten
habe und ich habe dich im Fernsehen gesehen und du bist einer meiner
Lieblingssänger."
Ich glaube, in
dem Moment habe ich erst einmal hinter mich geschaut um sicherzugehen,
dass er mit mir sprach. Ich dachte, der kann nicht dich meinen. Aber er
meinte tatsächlich mich und dieser Anfang machte die ganze Sache natürlich
wahnsinnig einfach. Aber so war er nun mal eben. Und dadurch hatten wir
einfach eine sehr gute Beziehung zueinander. Er fragte mich, was ich von
bestimmten Songs hielt oder was ich dachte, was er aufnehmen sollte. Ich
glaube, er hat sogar ein Lied aus meinem Solo-Album genommen. Es war
"Where No One Stands Alone". Ich hatte das auf meinem Solo-Album
aufgenommen und er benutzte im Großen und Ganzen dasselbe Arrangement wie
auf der Platte. Er hat auch "Impossible Dream" von meinem Solo-Album
genommen. Er mochte diesen Song. Es war einer seiner Favoriten. Und das
war der Sart zu einer fantastischen Freundschaft, dort im Studio B von
RCA. Und ich erinnere mich daran, dass er in dieser speziellen Session
auch "Love Letters" aufnahm. Er ließ dazu alle Lichter ausdrehen. Nur ein
einziges rotes Licht brannte, während er es sang. Und das war die erste
Session bei der David Briggs, der berühmte Studio-Musiker, mitwirkte.
Elvis traf ihn dort zum ersten Mal.
Gerade bevor ich hier nach Europa kam, sprach ich mit David und er
erzählte mir, dass er bei dieser Session dabei war, weil Floyd Cramer, den
man eigentlich engagiert hatte, zu spät kam. Also holte man David herbei
für den Fall, dass Floyd es nicht mehr schaffen würde. Und David spielte
diesen Song und Elvis mochte das. Aber dann kam Floyd doch noch dazu und
man wollte David dann aus der Session herausnehmen. Aber Elvis sagte:
"Nein David. Mir hat ds, was du gemacht hast, gefallen". Und so endete
Elvis als David-Briggs-Fan bei dieser Session. Und die Moral von der
Geschichte ist: Sei imemr pünktlich, sonst hast du sehr schnell verloren.
Und so wurde Elvis wie gesagt ein David-Briggs-Fan. Und er griff während
seiner gesamten Karriere immer wieder auf ihn zurück.
B.S.: Wusstest ihr eigentlich schon vor der Session, was ihr von der
Session erwarten konntet? Wusstet ihr, dass Elvis hauptsächlich daran
interessiert war, ein Gospel-Album aufzunehmen?
Shaun: Ja, wir wussten, dass wir da waren, um ein Gopel-Album aufzunehmen.
Zuerst nahmen wir auch nur Gospel-Sachen auf, aber dann war er noch ein
paar andere Sachen mit ein. Und das hat wirklich Spaß gemacht. Aber
grundstäzlich waren wir da, um ein Gospel-Album aufzunehmen. Aber er nahm
auf, wonach immer er sich gerade fühlte und wonach immer er in Stimmung
war. Vielleicht war "Love Letters" für ihn so etwas wie ein Gospel-Song.
Das meiste was ermachte, kam halt aus dem Herzen. Der einzige Unterschied
lag also in den Musikstücken selbst. Ich denke, die meiste Musik, die er
aufnahm, hat einen Hauch von Gospel, oder einem Rhythm & Blues-Hauch oder
ein bisschen was von Country. Und so passte das für ihn alles wunderbar
zusammen.
B.S.: Es hatte irgendwo für ihn alles den selben Ursprung.
Shaun: Ja.
B.S.: Wurden die Songs... im speziellen die Gospel-Songs... vor oder erst
während der Session ausgesucht?
Shaun: Einige von ihnen, denke ich, wurden erst während der Session
ausgewählt. Er setzte sich hin und klimperte auf dem Piano herum. Und ich
erinnere mich daran, dass wir uns zu ihm setzten und er uns fragte: "Was
hälst du von diesem oder jenem Lied?" Und ich hatte wahnsinnige Angst
davor, dass ermich nach meiner Meinung fragen würde. Aber ich glaube, bei
manchen Songs hatte er sich schon entschieden, dass er sie aufnehmen
wollte. Spezielle Songs, die er mal gehört hatteund die er mochte. Wie zum
Beispiel "Whre No One Stands Alone". Er hatte das auf meinem Album gehört.
Und das spielte und sang er. Und er sagte: "Ich liebe diesen Song. Also
lasst ihn uns aufnehmen". Also, oftmals nahm er Sachen auf, weil er
bestimmte Lieder mochte und bei diesen Liedern war ihm schon vor einer
Session klar, dass er sie aufnehmen würde.
B.S.: Es gibt von dieser Session einen speziellen Song, den man für einige
Jahre zurückgehalten hatte. Ich meine "Beyound The Reef". Kannst du dich
an diesen Song erinnern?
Shaun: Ja.
B.S.: Ging bei diesem Lied während der Session etwas schief oder was ist
damit passiert?
Shaun: Also über diesen speziellen Song kann ich jetzt nichts sagen. Ich
erinnere mich an das Lied, aber wir haben damals die Session verlassen und
sind nach Kanada weitergeflogen. Wir hatten da noch Termine. Es ist also
durchaus möglich, dass wir schon gegangen waren, als er dieses Lied dann
tatsächlich aufgenommen hatte. Und so kann ich mich natürlich nicht so
genau daran erinnern, was da passiert ist.
B.S.: Da ist noch ein Lied... der Bob Dylan Song "Tommorrow Is A Long
Time".
Shaun: Ich glaube, da waren wir auch schon weg. Ich denke, den einzigen
Song den wir mitbekommen haben, und der nichts mit den Gospels zu tun
hatte, war der Song "Love Letters". DAs ist der einzige Titel, an den ich
mich ganz sicher erinnern kann. Wir kamen etwa um 18.00 Uhr an und blieben
ca. bis 6.00 oder 7.00 Uhr morgens. Dann mussten wir nach Kanada und darum
verlißen wir die Session etwas früher. Der Rest von uns blieb dann noch
ein bisschen. Aber wir haben all die Gospel-Songs zusammen aufgenommen und
"Love Letters". Und es ist gut möglich, dass er noch anderes Material
aufnahm, nachdem wir weg waren.
B.S.: Und es hat dich nciht sonderlich gewundert, dass "Love Letters" ein
großer Hit für Elvis wurde? Es war ein Top 10 Hit in 1966.
Shaun: Yeah. Das hat mich nicht überrascht. Alles, was er machte, wrude
zum Hit. Weil.... er war eben Elvis!
B.S.: Es gab dann eine sehr lange Unterbrechung zwischen dieser Session in
1966 und der Zeit, in der du dann wieder anfingst, mit Elvis zusammen zu
arbeiten. Es ging ja dann erst 1973 wieder weiter.
Shaun: Richtig.
B.S.: Und was war mitder Gruppe "Voice"? Wurde diese Gruppe von Elvis
gegründet oder hat er euch nur diesen Namen gegeben? Ich glaube, das waren
Tim Baty, du und Tony Brown. Wie kam das zustande?
Shaun: Das ist
eigentlich eine sehr interessante Geschichte. Als ich die "Imperials"
verließ, ging ich nach Kalifornien. Ich schloss mit der Gruppe namens "The
Songfellows" an. Mit dieser Gruppe war ich vor vielen Jahren schon
zusammen gewesen... noch bevor ich mit der Speer-Familie zusammen sang und
bevor die "Imperials" gegründet wurden. Ich sang mit den "Songfellows" in
einer kleinen Fernsehstation unten in Los Angeles. Da kam eine Limousine
vorgefahren und Charlie Hodge sprang aus der Limousine heraus. Er sagte:
"Elvis hat mich geschickt. Er möchte gerne wissen, warum du die Imperials
verlassen hast?" Es hat mich damals absolut begeistert und amüsiert, dass
er extra eine Limousine mit Charlie geschickt hatte um herauszufinden,
warum ich die Imperials verlassen hatte. Charlie sagte: "Elvis ist total
verärgert. Er denkt, die hätten dich gefeuert". Und ich sagte: "Nun,
eigentlich gab es keinen richtigen Ärger. Wir hatten lediglich
verschiedene Richtungen, die wir gehen wollten". Und er sagte: "Well, er
war eben wirklich völlig außer sich, als er hörte, dass du nicht mehr mit
den Imperials zusammen bist. Und er schickte mich, um herauszufinden, was
da los war". Ich sagte: "Würdest du ihm bitte ausrichten, dass alles in
Ordnung ist". Und so folgte mir Elvis, auch als ich die Imperials schon
verlassen hatte. Ich war dann eine Weile mit dem Statesmen"-Quartett
zusammen. Und eines Tages tauchte er in Long Beach, Kalifornien auf. Ich
sang dort und sie wollten "Impossible Dreams" hören. Elvis hatte das wohl
auf meinem Solo-Album gehört. Ich sang das Lied natürlich gerne für ihn.
Und nachdem ich das Lied gesungen hatte, sandte er Charlie zu mir und er
sagte: "Elvis will sich mit dir hinter der Bühne treffen". Ich sagte zu
und ging hinter die Bühne. Und Elvis hatte eine kleine Schachtel dabei.
Und er sagte zu mir: "Ich habe hier etwas dabei, womit ich dir meine
Anerkennung und Dankbarkeit zeigen möchte, dass du diesen Song für mich
gesungen hast." Er griff in die Schachtel und holte mein "TCB" heraus. Er
legte es mir um und umarmte mich. Und das war einer der Höhepunkte meiner
ganzen Karriere.
B.S.: Es war dieselbe Kette, die du auch heute noch hast?
Shaun: Ja, er legte sie mir um und sagte: "Das soll meine Dankbarkeit zum
Ausdruck bringen... und die Freude, die du mir bereitet hast". Und später,
als ich die "Statesmen" verlassen hatte und nach Nashville zog... ich
lebte in Atlanta, Georgia und zog dann nach Nashville... da gründete ich
eine Gruppe. Donnie Sumner hatte die "Stamps" verlassen. Er war eine Zeit
lang mit J.D. und den "Stamps" zusammen und somit natürlich auch mit der
"Elvis-Presley-Show", als man das "Aloha From Hawaii"-Special machte. Aber
er und J.D. bekamen Probleme miteinander und so ging Donnie und kam nach
Nashville. Und ich war von den Statesmen weggegangen und hatte den
Basssänger Tim Baty mit nach Nashville genommen. Ich hatte jetzt schon 20
Jahre damit verbracht, Gospel zu singen und ich war der Meinung, dass es
nichts anderes in meiner Karriere geben könnte. Ich ging nach Nashville
und wollte eine gute Vorgruppe und Hintergrund-Gruppe für einen
Country-Sänger zusammenstellen. Dann würden wir genug Arbeit haben und
auch die Möglichkeit, uns zu etablieren. Wir machten dann ein paar harte
Arbeitsmonate durch und schließlich landeten wir bei einem Job in der
"Grand Ole Opry". DAs war damals noch im alten Raymond Auditorium. Und Tom
Jones hatte damals ein paar Probleme mit seiner Background Gruppe, den
"Blossoms". Und Elvis regte sich darüber etwas auf. Er mochte Tom, die
beiden waren Freunde und Elvis überlegte sich, ob er für Tom nicht eine
Background-Gruppe organisieren könnte. Und Kenny Hix, der damals die
"Stamps" verließ und dann für Elvis arbeitete, machte Elvis darauf
aufmerksam, dass ich, Donnie und Tim bei der "Grand Ole Opry" sangen. Und
er fragte Elvis, warum er uns nicht mal anrufen wolle. Und Elvis
erwiderte: "Das ist eine sehr gute Idee". Und so rief er uns an und
fragte, wie schnell wir es nach Las Vegas schafften könnten. Meine Gruppe
trug damals den Namen "The Rangers". Und Elvis sandte uns ein Flugzeug,
das uns nach Las Vegas brachte. Aber es stellte sich heraus, dass Tom uns
nicht gebrauchen konnte. Wir waren etwas enttäuscht darüber, weil uns
dadurch natürlich eine große Chance entgangen war.
Aber Elvis rief uns zu sich hoch und wir mussten uns alle auf den Boden
setzen. Und Elvis hatte einen Vertrag auf einem Stück Toilettenpapier
aufgesetzt. Der Vertrag beinhaltete, dass wir mit ihm reisen sollten, mit
ihm singen sollten und dass wir Songs für seine Publishing-Firma schreiben
sollten. Und er fragte, ob wir an diesen Sachen interessiert wären. Und
natürlich, sobald wir uns von dem Schock erholt hatten, sagten wir liebend
gerne zu. Und nachdem wir den Vertrag unterschrieben hatten, rief er
sofort seinen Vater an und sagte: "Daddy, nun habe ich endlich meine
eigene Gruppe". Und später dachte er sich dann, dass er einen Namen für
uns brauche. Es gab da ein religiöses Magazin, das sein Friseur Larry
Geller ihm mal gab. Und das trug auf der Vorderseite den Namen "Voice".
Also gab er selbst uns den Namen. Ich sagte: "Mir gefällt das. Von mir aus
kannst du uns nennen wie du willst". Und so kam das. Es war seine Idee.
B.S.: Ich glaube, die erste Session mit Elvis war dann im Juli 1973, als
ihr wieder in Memphis aufnahmt. In den Stax-Studios. Es gibt da eine
Geschichte, die Felton Jarvis einigen Leuten erzählt hatte. Elvis nahm ja
den Chuck-Berry-Song "Promised Land" auf. Und Felton erzählte einmal, dass
Elvis während einer Art Jam-Session eine Anzahl weiterer Chuck-Berry-Songs
aufgenommen hat. Kannst du dich da an irgend etwas erinnern?
Shaun: Oh... ich... das ist eine gute Frage. Das ist ja alles auch erst 20
Jahre her. Aber ich glaube, da ist was dran. Er machte die Jam-Session und
dann sangen wir alles. Von "Johnny B. Goode" bis was weiß ich alles. Ja,
ich glaube, ich erinnere mich an so etwas. Er sang eine Reihe davon. Weißt
du, die meisten Chuck-Berry-Songs haben ja den selben Rhythmus, nur die
Texte unterscheiden sich. Ich glaube wir haben gute Chancen, dass es so
etwas irgendwo noch gibt.
B.S.: Es gab
bei dieser 1973er Session einen Song namens "Three Corn Patches". Er wurde
von T-Bone Walker gesungen. Ich habe mich immer darüber gewundert, dass
man ausgerechnet diesen Take veröffentlicht hat als man das "Raised On
Rock"-Album herausbrachte. Ich bin davon überzeugt, dass es bessere Takes
gibt. Vielleicht wurde das ganze auch nur schlecht abgemischt. Und
vielleicht hört sich das besser an, wenn wir das irgendwann in den
nächsten zwei Jahren auf CD bekommen. Aber ich habe die jetzige Version
nie gemocht.
Shaun: Ich kann mich an den Song jetzt gar nicht erinnern. Ich müsste ihn
jetzt hören, dann würde mir dazu vielleicht etwas einfallen. Aber
vielleicht war es wirklich nur ein schlechter Mix. Vielleicht hat Felton
damit gar nicht zu tun. Er hätte nicht zugelassen, dass sie einen
schlechten Mix veröffentlichen. Vielleicht hat ihn der Colonel ausgesucht
(lacht).
B.S.: Die nächste Frage führt uns zu dem Lied, das wohl für alle Zeiten
mit deiner Stimme in Verbindung gebracht werden wird. "Softly As I Leave
You". Wie kam Elvis zu diesem Lied?
Shaun: Ich war hinter der Bühne des Las Vegas Hiltons. Er kam runter und
erzählte uns eine Geschichte, die ihm ein Mann namen John Gary, der
amerikanische Sänger, erzählt hatte. Und diese Geschichte hatte ihn tief
betroffen. Und er fragte mich, ob ich den dazugehörigen Song kennen würde.
Ich bejahte das und ich setzte mich ans Piano und sang ihn. Und Elvis
stand hinter mir und begann die Worte die ich sang, zu wiederholen. Und
sein Vater sagte: "Elvis, das ist wunderschön. Warum bringt ihr das nicht
heute Abend in der Show?" Und Elvis sagte: "Ich denke, das ist eine gute
Idee. Die Jungs sollen schnell Glen D. Hardin suchen gehen". Und sobald
Glen da war, begannen wir damit, die Akkorde zu suchen. Und am Abend
brachten wir es dann in der Show. Und wir erhielten eine unglaubliche...
ah, eine meiner Erinnerungen ist... als wir das Lied zum ersten Mal
brachten, stand ich in meiner Ecke bei den Hintergrund-Sängern. Und sie
hatten einen Spot direkt auf Elvis gerichtet. Aber schon am nächsten Abend
stellte Elvis sicher, dass die Beleuchter auch einen Spot auf mich
gerichtet hatten. So war er nun mal eben. Aber er war von der Geschichte
sehr gerührt. Aber es gibt da eine Geschichte, die ich gerne erklären
würde. Ich habe schon eine Menge Leute sagen hören: "Diese Geschichte
stimmt gar nicht, wie Elvis sie erzählte. "Softly" ist doch schon ein ganz
altes Lied und dass das gar nicht von einem sterbenden Mann geschrieben
wurde". Wir wussten schon sehr gut, dass das ein altes Lied war. Aber
darum ging es in dem Lied auch gar nicht. Es war einfach die Geschichte
eines Mannes, der im Sterben lag und der einfach den Text diesen alten
Liedes gebrauchte, um sich von seiner Frau zu verabschieden. Und darüber
gab es einige Missverständnisse. Manche Leute dachten, dass das, was Elvis
da erzählte, gar nicht wahr sein konnte, weil es ein alter Song war, der
vor vielen Jahren geschrieben wurde. Aber es war wirklich so, dass der
Mann, von dem Elvis sprach, einfach nur die Worte dieses alten Liedes
aufschrieb, um sich von seiner Frau zu verabschieden. Das wird wohl einige
Vermutungen aufklären.
B.S.: Ja, das macht auch viel mehr Sinn. Auch ich dachte 15 Jahre lang,
dass da was nicht simmte. Aber so hört es sich richtiger an. Und wer kam
auf die Idee, dass Elvis die Worte wiederholen sollte, die du ihm
vorsangst?
Shaun: Nun, ich habe das am Piano gesungen und gespielt. Und Elvis fing
damit an. Und sein Vater sagte, dass sich das sehr schön anhört. Und er
fragte, warum wir das nicht auf der Bühne bringen würden. Und so könnte
man sagen, dass es eigentlich die Idee seines Vaters war, dass wir das
zusammen singen sollten. Und Elvis traf zwar die letztendliche
Entscheidung. Aber sein Vater hatte die Idee.
B.S.: Und was war mit diesem anderen berühmten Song? Wer kam auf die Idee,
dass du "O Sole Mio" auf italienisch singen solltest und Elvis auf
englisch?
Shaun: (lacht) Oh, das ist eine großartige Story. Wir saßen zusammen im
"Den" in Graceland. Wir sprachen über Schallplatten, und irgendwie kamen
wir auf die Frage, welche wohl seine meistverkaufteste Platte sein würde.
Er sagte, dass es ein Song sei, von dem ihm erst jeder unbedingt abgeraten
hatte. Und er sagte: "Ich mag dieses Lied eben sehr. Meine Mutter spielte
mir das immer in einer Aufnahme des Tenor-Sängers Enrico Caruso auf einem
Victrola-Plattenspieler vor." Und er sagte: "Als ich den Jungs erzählte,
dass ich das aufnehmen wolle, da sagten die alle zur, dass ich verrückt
sei."
Aber wenn Elvis etwas tun wollte, dann tat er es auch. Und bis zum
heutigen Tag ist das seine bestverkaufte Single. Wieviele hat er davon
verkauft?
B.S.: 28 Millionen.
Shaun: 28 Millionen Platten. Und er erzählte mir, dass seine Mutter ihm
das immer auf dem Victrola-Plattenspieler vorpielte und dass das immer
dieser italienische Tenor gesungen habe. Und ich fragte: "Meinst du das
so?" (In diesem Augenblick gab uns Shaun eine kleine Kostprobe seines
italienischen Gesanges, indem er 'O Sole Mio' kurz ansang). Und Elvis
fragte begeistert: "Ja, ja das ist es. Woher weißt du das?" Ich hatte das
immer bei der Luftwaffe gesungen und da hatte ich auch den italienischen
Text gelernt. Und als ich es ansang, flippte Elvis fast aus. Er rief:
"Genauso hörte sich die Aufnahme an, die meine Mutter immer für mich
spielte." Und eines Abends auf der Bühne.... er hatte mich nie darauf
vorbereitet... aber eines Abends sagte er aus heiterem Himmel: "Ladies &
Gentlemen. Ich möchte nun gerne, dass Sie dem Jungen hier zuhören, wie er
die italienische Version vor meiner Version singt." Ich sah hinüber zu
James Burton und fragte ihn, ob er mir die richtige Tonlage angeben könne.
Er hatte das Lied ja schon des öfteren mit Elvis gespielt. Und ich kniete
mich voll in das Lied hinein. Und mit der Zeit begann ich, mit dem Lied zu
spielen. Wir hatten jedes Mal mehr Spaß damit. Und mit der Zeit brachten
wir es fast in jedem Konzert. Und so entstand das. Es war wirklich purer
Zufall.
B.S.: Du sagtest, dass du das jedes Mal anderes gesungen hast. Gab es
einen Abend, an dem du das abbrechen musstest, weil du einen Lachanfall
oder so etwas bekommen hast?
Shaun: Das ist
gut möglich. Ich versuchte natürlich, das zu vermeiden. Aber er versuchte
immer, dich zum Abbrechen zu bringen, indem er dich zum Lachen reizte. Es
wurde ein richtiges Spiel zwischen uns, und wir waren bemüht, nicht darauf
hereinzufallen. Also mag das durchaus ein oder zwei Mal vorgekommen sein.
Aber wenn, dann war es sehr selten. Normal kam ich immer ganz gut durch.
Ich tat mein Bestes, um ihn zu begeistern. Er konnte eigentlich nie
fassen, dass ich so lange singen konnte ohne zu atmen. Ich versuchte das
so lange zu machen, wie es ging, ohne dass ich ohmächtig wurde. Vielleicht
erinnerst du dich dran, dass er während meiner Version im "In Concert"
Special "Good grief" und "Smart Alley" zu mir sagte. Wir hatten viel Spaß
dabei.
B.S.: Und bei diesem Song nochmal zu bleiben. Weißt du, dass es da eine
ganz frühe Version mit dem Titel "There's NO Tomorrow" von Tony Martin
gab? Sie entstand 1949 oder 1950. Wir haben von BMG die Imformation
bekommen, dass es davon eine Version vor Elvis gibt, die er hier in Bad
Nauheim aufnahm. Wusstest du das?
Shaun: Hat er das? Das wusste ich nicht. Ich weiß nur, dass er dieses Lied
liebte.
B.S.: Sie fanden ein Band davon in Graceland im Erdgeschoss. Ich habe das
noch nicht gehört. Aber vielleicht kommt es eines Tages heraus.
Shaun: Ich würde das auch sehr gerne einmal hören. Ich habe auch ein paar
Aufnahmen, die noch nie jemand vorher gehört hat. Ich fand Bänder, die im
Wohnzimmer aufgenommen wurden. Eine dieser Aufnahmen, habe ich auf meiner
neuen CD. Sie entstand im Wohnzimmer seines Hauses in Palm Springs. Wir
nahmen da gerade "Spanish Eyes" auf. Und ich singe darauf mit Elvis im
Duett. Ich habe noch eine Aufnahme, die ich bis jetzt noch nicht
herausgebracht habe. Aber die werde ich eventuell auch noch
veröffentlichen. Elvis singt da den Bass-Teil bei einem Lied namens "Let
Me The One". Man hört darauf "Voice" singen und Donnie Sumner spielt,
glaube ich, Piano. Und wir singen alle dazu. Und Elvis singt.... er hatte
dazu seinen eigenen Text geschrieben. Ah, das war auch so eine Sache. Wir
lachten viel dabei. Wir hatten eine gute Zeit.
B.S.: Meinst du, dass sie das mit Elvis' Spezial-Text veröffentlichen
können?
Shaun: Ja, ICH kann es. Es ist nicht so schlimm.
B.S.: Nicht erst "frei ab 18"?
Shaun: Nein, nein. Wir hatten einfach nur Spaß. Ein bisschen zweideutig
vielleicht, aber mehr nicht.
B.S. Wenn du den Elvis, den du zuerst im Jahre 1966 getroffen hast, mit
dem Elvis des Jahres 1976 oder 1977 vergleichst, inweiweit hatte sich
Elvis in diesen 10 Jahren verändert. Ich meine jetzt nicht körperlich,
sondern mental gesehen.
Shaun: Er wurde etwas weicher, so wie wir lale, wenn wir älter werden. Er
war mehr auf Gemütlichkeit als auf Schnelligkeit aus. Als er älter wurde,
sang er eher mehr die Sachen, die er mochte. Und nicht die Sachen, die ihm
die Leute aufdiktieren wollten. Er war an einem Punkt angekommen, an dem
es nicht mehr ums Geld ging. Es ging ihm nun mehr um die Musik. Alles war
etwas gelöster. Er hatte sein Können unter Beweis gestellt und jetzt gab
es nichts mehr, was er zu beweisen hatte. Er wollte nun nur noch singen,
was ihm auch Sapß machte. Er wollte unter die Leute gehen und diese Art
von Musik bringen. Ich glaube, das war die hauptsächliche Veränderung an
ihm.
B.S.: Wenn du den Elvis der späteren 70er Jahre Lieder wie "Hound Dog"
singen hörst, dann hast du doch immer das Gefühl, dass ihn diese Lieder
langweilten... diese dümmlichen Lieder.
Shaun: Ja, für ihn waren diese Lieder dümmlich. Nun, wenn du ein
bestimmtes Alter erreicht hast, und du singst nach so vielen Jarhen immer
noch dein "Hound Dog"... es war sicher nicht so, dass er das Lied nicht
mehr mochte. Er war wohl viel absolut daraus herausgewachsen. Und er sang
diese Lieder für die Zuschauer, nicht für sich. Ich denke, er ordnete
diese Lieder seinen jungen Jahren zu, aber jetzt war er erwachsen
geworden. Und jetzt musste er diese Lieder bringen, weil die Leute sich an
diese Titel immer noch erinnerten. Und irgendwann wurde er es müde, diese
Lieder zu singen.
B.S.: Ich denke, dass er in den 70er Jahren nur noch sehr selten seriöse
Versionen seiner früheren Lieder gebracht hat. Es gab da aber einen Song,
der ursprünglich aus den 50ern stammte. Es war nicht sein Lied. Als es
geschrieben wurde, war es sehr lustig. Ich meine "Little Darlin'". Die
Ursprungsversion war schon sehr spaßig und Elvis schien mit seiner
Interpretation auch sehr viel Spaß gehabt zu haben.
Shaun: Ich musste dann immer dieses "la, la, la, la" singen.
B.S: Das warst du?
Shaun: Ja, das war ich. Ich musste das immer machen (lacht). Wir
amüsierten uns immer köstlich darüber.
B.S.: Denkst du, es hätte Elvis etwas gebracht, wenn er doch einmal eine
Welttournee gemacht hätte? Europa, Japan usw.
Shaun: Er wollte das wahnsinnig gerne machen. Für so etwas hatte er
eigentlich die "Lisa Marie" gekauft. Das Flugzeug. Elvis war sich sicher,
dass er alles, was er in Amerika machen konnte, schon gemacht hatte. Und
darum wollte er eine Europa-Tournee machen. Er wollte auch einen
ernsthaften Film drehen. Ich war hinter der Bühne, als John Peters und
Barbra Streisand zu ihm kamen und ihm die Rolle in "A Star Is Born"
anboten. Und Elvis war begeistert von diesem Vorschlag. Das war eine
andere Sache, als mit einem Haufen schöner Frauen herumzustehen und zu
singen. Nicht etwa, dass ich da etwas dagegen hätte. Aber er wollte gerne
ernst genommen werden als Schauspieler. Er wollte immer stolz sein auf das
was er tat. Und deshalb machte er alles so gut er nur konnte. Und er
wusste, dass in Europa eine große Nachfrage nach ihm bestand. Die Leute
wollten ihn sehen. Das ist zwar nur so eine Vermutung von mir, aber ich
glaube, wenn man ihm hin und wieder erlaubt hätte, eine Herausforderung
anzunehmen, dann wäre er heute vielleicht noch am Leben. Weil... er war
begeistert von der Idee, einen guten Film zu machen. Er war begeistert von
der Idee, nach Europa zu kommen. Aber der Golonel machte das geradzu
unmöglich für ihn, solche Sachen zu tun.
B.S.: Es gibt da noch eine recht traurige Geschichte. Du kennst sicher den
Film "A Star Is Born" mit Judy Garland aus dem Jahr 1954. Ich denke, das
ist ein sehr guter Film. Auch das Remake mit Kris Kristofferson und Barbra
Streisand ist nicht schlecht. Aber der Colonel wurde vor kurzem zu diesem
Film interviewt und er leugnete, dass irgend jemand Elvis jemals eine
Rolle in "A Star Is Born" anbot. Und in meinen Augen ist das eine Lüge.
Shaun: Er leugnete es? Ich war mit hinter der Bühne, als sie es taten. Ich
war da! Der Colonel wollte diese Tatsache wohl nur nicht zugeben. Anders
kann ich mir das nicht erklären. Aber ich denke, wer in einer Sache lügt,
der lügt auch wegen einer anderen Sache.
B.S.: Ja. Und ich denke wirklich, dass Elvis mehr Herausforderung hätte
annehmen müssen. Ich meine, nach dem "Aloha"-Special 1973. Ich glaube, das
wäre die Krönung von allem.
Shaun: Ja, das war es. Irgendwie glichen wir uns in vielen Sachen. Wir
kamen beide aus dem Süden. Wir liebten beide Gospel. Wir liebten die
schwarze Gospel-Musik. Und ich war immer so eine Person, die ständig neue
Herausforderungen suchte, um auf der Höhe zu bleiben. Und bei Elvis war
das eigentlich noch ausgeprägter. Vielleicht erinnerst du dich daran, dass
er sich für das "Aloha From Hawaii"-Special zum letzten Mal so richtig in
Schuss brachte. Er arbeitete richtig hart dafür. Und danach... weißt du...
das war so eine große Show. Es war bis damals die größte Show, die es je
gab. Und seitdem gab es nichts größeres. Aber ansonsten reisten wir immer
nur durch dieselben Städte. Diese Städte wurden danach ausgesucht, wie sie
den Colonel behandelten, und nicht, wie sie uns oder Elvis behandelten.
Und so kam nur noch eine Stadt nach der anderen. Und davon wird einem
natürlich langweilig. Ich habe mich oft gefragt, wie das ist, wenn man so
gar nichts mehr hat, nach dem man streben kann. Und das muss eine
unwahrscheinlich schwer zu ertragende Last sein. Und wenn er damals eine
neue Herausforderung bekommen hätte, dann könnte er heute noch bei uns
sein.
B.S.: Und eine Europa-Tournee hätte ihm diese Herausforderung bieten
können. Hat er jemals mit dir oder mit seinen Freunden darüber gesprochen,
dass er den Vertrag mit dem Colonel lösen will?
Shaun: Er hat nie persönlich darüber gesprochen. Aber einmal ging ein sehr
ernstzunehmendes Gerücht durch unsere Reihen, wonach er kurz davor stand,
den Colonel zu verlassen. Ich weiß bis heute nicht, warum er es nicht tat.
Aus irgendeinem Grund hielt ihn etwas davon ab. Aber einmal war es wie
gesagt kurz davor.
B.S.: Ich denke, dass der Colonel in den Anfangsjahren sicher sehr viel
für Elvis getan hat. Mit seinen knallhart ausgehandelten Verträgen beweist
er, dass er ein guter Manager sein konnte. Ich glaube, dass sich die
Situation zunehmend verschlechtert hatte, als der Colonel 1967 seinen
Lohnanteil an Elivs' Filmeinnahmen auf ganze 50% erhöht hat.
Shaun: Ich habe schon oft gesagt, dass das ironisch ist. Der selbe Mann,
der Elvis gemacht hat, zerstörte ihn später. Das ist jedenfalls meine
Meinung darüber.
B.S.: Und er selbst lebt heute noch.
Shaun: Nur die guten sterben jung!
B.S.: Aber ich glaube, jetzt hat Andreas noch ein paar Fragen an dich.
A.W.: Ja, ich habe noch einige recht kritische Fragen. Shaun, kannst du
dich an einen Zwischenfall erinnern, der sich in Baltimore im Mai 1977
ereignete? Elvis musste damals die Bühne für ca. eine halbe Stunde
verlassen. Du und Kathy Westmoreland musstet damals die Show für Elvis
weitermachen.
Shaun: Aah, ja... ich erinnere mich, dass so etwas passierte. Ich glaube,
er hatte damals Probleme mit seinem Magen gehabt. Und er musste für etwa
30Minuten die Bühne verlassen. Ja, ich erinnere mich. Ich hatte das ganz
vergessen. Aber jetzt, wo du es sagst...
A.W.: Aber du hast nach der Show nie gefragt, warum das passierte oder was
passierte?
Shaun: Doch, wir fragten. Ich versuche mich gerade daran zu erinnern. Aber
wie ich schon sagte, er hatte damals Magenprobleme. Das war es, warum er
die Bühne für eine Weile verlassen musste. Ich wusste das nicht und erfuhr
es erst nach der Show.
Andreas Warmuth: Was habt ihr eigentlich vor und nach den Shows immer
gemacht? Habt ihr euch vorher immer im Hotel getroffen und seid dann
zusammen zum Auditorium gefahren?
Shaun: Ja. Wir
haben Elvis nicht getroffen bevor die Show losging. Wir hatten eine
bestimmte Zeit, zu der wir uns auf den Weg machten. Und dann stellten sie
immer einen Bus für uns zur Verfügung. Und dieser Bus brachte uns zum
Auditorium. Und er wartete dort auf uns, bis die Show vorüber war. Elvis
kam immer zur Hintertür in die Halle. Und er verließ die Halle auch durch
die Hintertür, wo eine Limousine auf ihn wartete. Er war meist schon
zurück im Hotel, wenn wir ankamen. Es gab da ein ganz merkwürdiges
Problem. In jeder Stadt, in der wir auftraten, hatten wir Probleme damit,
nach der Show etwas zu essen zu bekommen. Egal, wo wir waren. Sie waren
nie auf uns vorbereitet oder auf das, was auf sie zukam, wenn Elvis in der
Stadt war. Immer wieder kam diese riesige Menge Leute an und die
Restaurants hatten einfach nicht genügend Servierhilfen. Und das war sehr
schwer für uns, denn selten genug hatten wir Zeit, um uns zu setzen und in
Ruhe zu essen. Ganz speziell galt das für die Tage, an denen wir eine
Nachmittags- und eine Abendshow zu geben hatten. Das war ein eigenartiges
Problem. Wir gehörten zwar zur Show, hatten aber Schwierigkeiten, etwas
Essbares aufzutreiben. Wenn die Restaurantbesitzer etwas klüger gewesen
wären, hätten sie bei dieser Anzahl von Kunden eine Menge Geld machen
können. Aber sie hatten nie genug Personal und das machte das essen für
uns ungemein schwer. Manchmal kamen wir erst nach der Abendshow dazu,
etwas zu essen. Aber da hatte schon alles zu. Das war immer eine
interessante Situation.
A.W. Tja, wenn man erst mitten in der Nacht mit der Show fertig wird, ist
das sicher nicht einfach.
Shaun: Ja, wir mieteten uns ein Taxi und sagten, es soll uns irgendwo
hinfahren, wo noch etwas offen ist.
A.W.: Kannst du dich daran erinnern, dass Elvis "Walk With Me" gesungen
hat? (Anm. Elvis forderte Shaun sehr oft in seinen Shows dazu auf, diesen
Gospel zu singen.)
Shaun: Ob Elvis "Walk With Me" gesungen hat?
A.W.: Es schien, als wäre dieser Titel einer seiner liebsten Gospels.
Shaun: Das ist wahr. Sehr oft wollte er, dass ich mitten in der Show
heraustreten und es singen sollte. Ich hatte das zuerst zusammen mit den
Imerials aufgenommen. Das war in den 60er Jahren. Aber ich kann mich nicht
daran erinnern, dass Elvis das jemals sang. Hat er es mal während einer
Show gesungen?
A.W.: Nein, nicht dass ich wüsste. Darum frage ich dich ja.
Shaun: Er wollte sehr oft, dass ich dieses Lied in seinen Shows singen
sollte.
A.W.: Und es klang, als wäre das wirklich einer seiner liebsten
Gospel-Songs.
Shaun: Ja, ds war er auch. Er hörte ihn zum ersten Mal von den
"Imperials". Er mochte ihn sehr gerne und wir sangen ihn sehr oft.
A.W.: Hättest du einige Teile in Elvis' Show geändert? Sagtest du ab und
zu: "Ach Elvis, warum singst du denn diesen Song schon wieder?" Oder: "Da
ist jemand im Publikum, der gerne King Creole hören würde. Warum singst du
das nicht mal?"
Shaun: Nein, weißt du, ich habe nie versucht dahinter zu kommen, warum er
verschiedene Dinge tat. Weil... was immer wir auch taten... es hat immer
sehr viel Spaß gemacht. Wir hatten immer mit dem Spaß, was wir gerade
machten. Weil... jedes Mal, wenn er etwas machte, warf er neue Ideen mit
ein oder brachte es etwas anderes als beim letzten Mal. Und so war ich
glücklich mit dem, was er machte. Was ihn glücklich machte, machte auch
mich glücklich.
A.W.: Manchmal frage ich mich eben, warum all diese hochklassigen Musiker
und Elvis damit zufrieden waren, ständig immer nur "Teddy Bear" und "Don't
Be Cruel" jeden Abend zu spielen.
Shaun: Siehst du, das Problem ist eben, dass wir nicht dafür bezahlt
werden, um uns zu amüsieren. Wir wurden dafür bezahlt, das zu bringen,
wofür die Leute Eintritt bezahlt haben. Und die meisten von denen hatten
ihn in Filmen gesehen und gehört. Und die meisten kannten ihn davon, dass
er "Hound Dog" und "Don't Be Cruel" sang. Und das schon seit Jahren. Und
das wollten sie in den Shows hören! Und Elvis ging eben sehr auf seine
Fans ein. Und er wollte bringen, was SIE hören wollten. Und für ihn war es
wichtiger, was die Fans wollten, als das, was er vielleicht gerne tun
wollte. Als ich meine eigene Band hatte, hatte ich dasselbe Problem. Wir
spielten damals lange Zeit als Hausband in einem Lokal in Memphis. Das war
damals, als der Kenny Rogers Song "Lucille" so beliebt war. Das ist ein
extrem langweiliger Song, wenn du ihn immer und immer wieder singen musst.
Und meine Kumpels flehten mich an, dass sie dieses Lied nicht mehr spielen
mussten. Aber ich sagte: "Wartet mal eine Minute. Die Tatsache, dass ihr
das singen dürft, bewahrt euch davor, dass ihr unten an der
Autowaschstraße arbeiten müsst. Weil, unsere Zuschauer bezahlen dafür, um
dieses Lied zu hören. Wenn ihr nachher heim geht, könnt ihr spielen was
ihr wollt. Aber solange es um eure Arbeit geht, habt ihr zu spielen, was
die Leute hören wollen. Und darum hatte ich immer Verständnis für das, was
Elvis da machte. Viele Musiker verstehen dieses Prinzip bis heute nicht.
Sie spielen, was sie wollen. Aber wer seine Fans schätzt, spielt, was die
gerne hören. Und das war bei Elvis der Fall.
A.W.: Manchmal hat Elvis am Ende einiger seiner letzten Shows den Satz
gesagt: "Was ihr hört oder was ihr über mich gelesen habt in den
Zeitungen... glaubt das nicht. Mir geht es gesundheitlich sehr gut. Ich
bin noch immer hier und ich werde euch unterhalten. Und wenn ihr wollt,
dass wir wiederkommen sollen, dann ruft uns und wir werden da sein."
Denkst du nicht, dass das ganz offensichtlich gelogen war? Was hast du
gedacht, wenn Elvis so etwas sagte?
Shaun: Oh, das
hängt natürlich davon ab, auf was er da anspielt. Die Presse hat nie
positiv über seine Konzerte berichtet, was wohl damit zusammenhing, dass
die Reporter nie Freikarten bekommen haben. Elvis-Shows waren die einzigen
Konzerte, für die die Reporter Eintritt bezahlen mussten. Und das führte
natürlich zu Ärgernis. Die dachten immer, dass sie etwas Spezielles wären,
und dass sie die Tickets immer so kriegen müssten. Aber bei Elvis war das
nicht so und so kam es oft vor, dass wir den Ärger der Reporter in Form
einer schlechten Kritik zu spüren bekamen. Und sie schrieben eine Menge
Zeug über uns. Also muss man schon genauer wissen, auf welchen
Zeitungsartikel er sich berief, wenn er so etwas sagte. Es gab da Sachen
in der Presse, da konntest du nicht die Hälfte glauben. In diesen Artikeln
haben sie Elvis jede Krankheit angehängt die es gibt... außer vielleicht
AIDS. Ich weiß also nicht so genau... gut, es gab Zeiten, in denen es ihm
gesundheitlich sehr schlecht ging. Aber in den seltensten Fällen wusste
die Zeitung, was wirklich das Problem war. Die haben ihre eigenen
Geschichten erfunden. Manchmal schrieben die Sachen, als wären sie dabei
gewesen. Aber kein Mensch war da, weil es ihnen an Freitickets fehlte.
Also schrieben sie einfach rigend etwas. Und ich glaube, diese erfundenen
Geschichten waren das, worauf sich Elvis immer bezog, wenn er so etwas
sagte.
A.W.: Aber es war doch klar, dass Elvis während seinen letzten Shows nicht
mehr gesund war. Aber er erwähnte immer wieder: "Ich bin bei bester
Gesundheit." Und das stimmt mich fraglich.
Shaun: Oh, ich verstehe. Nun, vielleicht wollte er einfach nicht, dass
alle wissen, wie schlecht es ihm geht. Und darum dachte er wohl, dass es
besser sei zu sagen, dass er sich gut fühlte. Er wollte kein Mitleid. Er
wollte nicht, dass die Leute ihn bedauern. Und wie schlecht es ihm ging...
im großen und ganzen brachte er immer noch eine gute Show. Und er wollte
nicht, dass jemand sagt, dass es ihm leid tut, wie schlecht es Elvis geht.
Wahrscheinlich sagte er sowas aus diesem Grund. Ich würde das auch tun.
Darum verstehe ich seine Vorgehensweise.
A.W.: Um noch einmal auf meine Frage von vorhin zurückzukommen. Wenn
Musiker mit den immer wiederkehrenden Liedern in einer Elvis-Show
unzufrieden waren... war das vielleicht der Grund dafür, dass am Ende doch
einige von ihnen gegangen sind. Jerry Sheff hat später bei euch aufgehört.
Ronnie Tutt war eine ganze Zeitlang nicht mehr dabei.
Shaun: Nein, der einzige Grund dafür, dass verschiedene Musiker gegangen
sind, liegt einfach darin, dass der Colonel erhebliche Mühen darin
investiert hat, dass niemand von uns vorher wusste, für wann er eine neue
Tournee geplant hatte. Und einige der Musiker spielten zum Beispiel mit
Emmylou Harris und anderen Größen. Und der Colonel war wirklich immer
bemüht, die neuen Tourdaten so lange geheim zu halaten, wie es nur ging.
Manchmal erfuhren wir es erst in der letzten Minute. Und einige der
Musiker waren dann natürlich oftmals schon andere Verpflichtungen
eingeganen. Und einige machten dann aus Protest diese anderen
Verpflichtungen. Sie wollten Elvis damit darauf aufmerksam machen, was der
Colonel da für ein Spiel treibt. Und darum waren einige von ihnen eine
Zeitlang nicht dabei. Das war eine von vielen Sachen, an denen der Colonel
schuld war.
A.W. Hat es für die letzten Tourneen noch Proben gegeben?
Shaun: Nein, ich glaube nicht, dass wir für die letzten Tourneen noch
geprobt haben. Wir kannten ja alle die Lieder. Und Elvis hat uns dann nur
noch erzählt, was bei der nächsten Tour drankäme. Wenn er ein Lied neu ins
Repertoire aufnahm, das es vorher schon auf einem Album gab, dannhörten
wir uns ein paar Mal die Plattenaufnahme an, und lernten anhand dieser
Aufnahme. Wir waren alle Profis und dadurch waren Proben meist nicht
nötig. Das meiste, was wir auf der Bühne spielten, hatten wir ohnehin
oftmals vorher im Studio zusammen aufgenommen. Und wir brachten diese
Sachen dann so, wie wir es im Studio schon einstudiert hatten. Und so war
sein Teil und unser Teil ohnehin schon ausgearbeitet. Oh, eines Tages ließ
er uns alle mal nach Memphis einfliegen. Und wir sollten dort mit ihm
proben. Wir alle saßen drei Tage da herum. Er hatte sogar eine Gruppe aus
Los Angeles einfliegen lassen. Wir sollten draußen in seiner Raquet Ball
Halle proben. Aber irgendwie fühlte er sich wohl nicht gut und beschloss,
dass er doch nicht proben wollte. Also sagte er Bescheid, dass wir alle
wieder heim gehen sollten. Wir wurden dafür bezahlt, einfach nur, weil wir
da gewesen sind. Und es gab einige Sessions, die so abgelaufen sind.
Einmal rief er uns nach Nashville. Wir standen einen oder zwei Tage im
Studio herum (Februar 1977) und wir wurden wieder nur dafür bezahlt, weil
wir da waren. Aber wenn Elvis entschied, dass er nicht wollte...! Also
kassierten wir unser Geld und gingen nach Hause. Einfacher kannst du kein
Geld verdienen.
A.W. Hast du irgendwelche Erinnerungen an das "In Concert 77"-Special?
Shaun: Du meinst dieses allerletzte TV-Special? Ich erinnere mich
selbstverständlich an die Fernsehkameras. Ich erinnere mich daran, dass
ich Angst um ihn hatte. Er sah... weißt du... er sah wirklich schlecht
aus. Aber ich erinnere mich daran, wie begeistert ich auch war, wenn ich
verglich, wie schlecht er aussah und wie toll er sang. Ich wusste damals
wirklich nicht, was nicht mit ihm stimmte. Aber ich hatte Angst, weil er
so extrem schlecht aussah, bevor er die Bühne betrat. Aber als er erst
einmal draußen war, sang er einfach toll. Das hatte mich total begeistert.
Seine Stimme... obwohl er so schlecht aussah. Ich erinnere mich an Felton
Jarvis. Wir sprachen oft darüber, dass Elvis sich noch umbringen wird,
wenn er nicht besser auf sich aufpassen würde. Aber keiner glaubte daran,
dass das wirklich passieren würde. Weißt du... man redet schon mal so
etwas vor sich hin... und keiner glaubt es wirklich. Ich erinnere mich
daran, dass er schlecht aussah, aber... was für eine Stimme. Er hörte sich
großartig an.
A.W.: Weißt
du, wer die Songs für die Shows zusammenstellte?
Shaun: Meistens tat es Elvis selbst. Manchmal wusste er schon, dass RCA
einen bestimmten Teil aufnehmen wollte. Aber meistens suchte er seine
Lieder selbst aus. Er bestimmte die Reihenfolge der einzelnen Songs.
A.W.: Hast du irgendwelche Erinnerungen an die Sessions in Graceland?
Passierte da irgend etwas besonderes. Kathy Westmoreland hat in ihrem Buch
geschrieben, dass Elvis zum Beispiel eine "Hurt"-Version mit einem nicht
mehr jugendfreien Text aufnahm.
Shaun: Das ist durchaus möglich. Ich weiß nicht, ob man das auch
aufgenommen hat. Eine interessante Sache passierte in Graceland. Ich habe
da gerade mit Ernst Jörgensen gesprochen. Jerry Scheff hatte für Elvis
einen Song namens "There's A Fire Down Below" geschrieben. Das ist ein
Song, der vom Feeling her mit "Burning Love" vergleichbar war. Elvis war
noch nicht da, als sie es spielten. Also sagte ich, dass ich den
Vokal-Teil übernehmen würde, damit man das Lied proben könne. Und so nahm
man das Lied mit meiner Stimme auf. Und Ernst hat nun ein Band davon
gefunden. Ich erinnere mich auch daran, wie er einmal zu uns runter kam.
Und irgendwo her hatte er ein Thompson-Maschinengewehr bekommen. Und er
alberte mit den Lautsprechern herum. Wir hatten damals irgendwelche
Probleme mit den Lautsprechern. Ich weiß nicht mehr was da los war, aber
irgendwie klangen die Dinger nicht so, wie Elvis das gerne gehabt hätte.
Und er tat dann so, als wolle er die Lautsprecher ausschießen. ER hat es
natürlich nicht gemacht. Jemand hat geschrieben, er hätte es gemacht.
Einer dieser verrückten Reporter schrieb es. Aber es war nicht so. Elvis
tat nur als ob.
A.W.: Es gibt da ein Rätsel um das Lied "Unchained Melody". Wenn du die
Version aus den "Great Performances"-Videos kennst, weißt du, dass Elvis
da am Ende ein paar ganz hohe Noten singt. Und es gibt da ein Gerücht, das
besagt, dass du ursprünglich (auf der "Moody Blue"-LP-Abmischung damals)
Elvis' Stimme an dieser Stelle overdubbed hast.
Shaun: Ja, da gab es eine Version, die während einem Konzert aufgenommen
worden war. Ich ging dafür ins Studio. Felton holte mich und ließ mich
diese ganz hohen Töne übersingen.
A.W.: Ds war also nicht wirklich Elvis?
Shaun: Nein... das war ich (lacht). Vielleicht hätte ich das jetzt gar
nicht sagen sollen. Elvis hätte das auch selbst schaffen können. Aber es
gab da Zeiten, da wollte er die hohen Töne besonders lange hinausiehen.
Ich hab' ihn dann quasi nach einer Zeit abgelöst. Er hätte das also auch
alleine geschafft. Aber Felton wünschte, dass ich da nochmal drübersinge,
obwohl Elvis selbst es schon gesungen hatte. (Anm. Auf dem Video "Great
Performances" hörft man dann am Ende die original Elvis-Stimme, die
tatsächlich gar nicht so schlecht ist.)
A.W.: Es sind da noch ein paar andere Liedtitel im Umlauf, von denen man
bisher angeblich nur die Musikspuren gefunden hat. Es handelt sich um
"Good, Bad But, Beautiful", "Color My Rainbow" und "The Wonders You
Perform". Die wurden auch in den Stax Studios in Memhpis bei der 1973er
Session aufgenommen. Sagen dir diese Titel etwas?
Shaun: So spontan erst einmal nicht. Ich kann mich daran nicht erinnern,
obwohl ich da eigentlich hätte dabei gewesen sein müssen. Aber das sagt
mir erst einmal garnichts.
A.W.: Vielleicht hilft es dir weiter, wenn ich dir sage, dass "The Wonders
You Perform" ein Hit für Tammy Wynette gewesen ist.
Shaun: Oh o.k.... jetzt weiß ich, welches Lied zu meinst.
B.S.: Aber vielleicht gibt es da doch wirklich nur eine Musikspur davon.
Shaun: Das muss so sein, denn ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich
auf dieser Aufnahme gesungen habe.
A.W.: Was machst du eigentlich zur Zeit?
Shaun: Ich singe immer noch. Ich habe bis jetzt in Florida gelebt. Aber
jetzt zog ich nach Nashville. Ich habe da eine ganz neue Firma gegründet.
Sie besteht aus einer Publishing-Firma, einer Produktions-Firma, einer
Künstler-Agentur und gleichzeitig singe ich mit einer Band aus Dänemark.
Ich habe einige Shows in Dänemark gegeben und habe nun eine Platte für den
europäischen Markt produziert. Ich habe diese zwei neuen CDs
herausgebracht. Und die versuche ich nun in Europa zu verkaufen. In den
Staaten wrde ich jetzt eine brandneue CD veröffentlichen, die den Namen
"Softly As I Leave You" tragen wird. Jeder Song auf dieser CD bringt für
mich eine Erinnerung zurück. Ich erzähle darauf zu jedem Lied eine
Geschichte, die ich zusammen mit Elvis erlebt habe. Und dafür gibt es dann
sogar einen national ausgestrahlten TV-Werbespot. Ich genieße dieses
Geschäft. Ich habe vorhin schon gesagt, dass ich durch Elvis noch heute
Menschen und Orte auf der ganzen Welt kennenlerne, die ich ohne meine
Freundschaft mit Elvis nie gesehen hätte. Dafür bin ich extrem dankbar.
Das Leben hat es da sehr gut mit mir gemeint und das genieße ich und ich
arbeite hart.
A.W.: Was denkst du, war Elvis' bester und schlechtester Charakterzug?
Shaun: Ich glaube, sein bester Charakterzug war seine Großzügigkeit und
sein Sinn für Humor. Als Fehler fiele mir vielleicht ein, dass ihn Sachen
sehr schnell langweilten. Aber ich glaube, das ist ganz normal, wenn man
so viel besitzt.
A.W.: Findest
du eigentlich, dass Elvis in den letzten Jahren gar kein Interesse mehr an
seiner Arbeit hatte? Er hatte zuerst eine ganze Anzahl seiner
Bühnenanzüge. Und das fiel bei den letzten Tourneen völlig weg. Manchmal
hatte er in früheren Jahren Teile seines Repertoires ausgewechselt. Auch
das fiel während der letzten Shows weg. Er ging nicht mehr ins Studio. Das
zeigt für mich sicher eine Art von Dessinteresse an seiner Arbeit.
Shaun: Das, was du sagst bekräftigt meine Theorie, dass er an Langeweile
gestorben ist. Der Colonel gab ihm eben keine neuen Herausforderungen
mehr, die er erstreben konnte. Er tat immer nur dieselben Sachen und das
langweilte ihn natürlich zusehends. Er hätte ingedingt Futter für seine
Seele... seine künstlerische Seele gebraucht. Etwas, was ihn angetrieben
hätte. ABer so etwas kam nicht und deshalb denke ich, hat ihn die
Langeweile umgebracht. Und durch diese Langeweile verschlimmerte sich auch
sein schlechter Gesundheitszustand immer mehr.
A.W.: Eine Frage habe ich noch. Kannst du dich an einen Zwischenfall
erinnern, der sich 1975 ereignete? Kathy Westmoreland und Teile der Sweet
Inspirations haben damals mitten in der Show die Bühne verlassen, weil
Elvis Sachen gesagt hatte, mit denen sie nicht einverstanden waren.
Shaun: (lacht) Nun... Elvis.... Elvis hatte immer viel Spaß auf der Bühne.
Das spielte sich, glaube ich, in Norfolk ab (lacht erneut). Er sagte
damals so etwas wie, dass er "Catfish" im Atem der Sweets roch. Aber wenn
es jemanden gab, der kein Rassist war, dann war das Elvis. Er bewies das
dadurch, dass er schwarze Musik liebte. Er selbst hatte die Sweets
eingestellt. Gerade zu Sylvia sagte er dann und wann etwas Spaßiges. Und
plötzlich nahmen sie das ernst. Er sagte es ohne Hintergedanken. Er wollte
auf keinen Fall jemanden damit verletzen. Manchmal sagt man eben etwas im
Spaß und denkt einfach nicht daran, dass das irgend jemand falsch
auffassen könnte. Ja, er sagte etwas darüber, dass er Catfish in ihrem
Atem riechen würde. Und ich erinnere mich, dass ich das in dem Augenblick
auch als spaßig empfunden hatte. Aber sie verstanden es anders. Und darum
gingen sie. Aber er kaufte ihnen allen Ringe hinterher. Selbst ich habe
damals einen Ring bekommen und deshalb war ich froh, dass sie gegangen
waren. Das war es, was passiert ist. Aber er entschuldigte sich später bei
ihnen. Aber das war eine eine Sache, die er so nicht gewollt hatte.
A.W.: Ich denke, wir sollten jetzt aufhören, bevor uns das Band ausgeht.
Shaun: Oder bevor ich hier einschlafe. (Anm.: Es war schon 2 Uhr morgens).
B.S.: Ich habe noch eine Frage bezüglich eines Songs, den du heute Mittag
im Auto gesungen hast. Ich meine den Johnny Nash Song "I Can See Clearly
Now". Kannst du dich daran erinnern, dass Elvis Teile davon oder gar den
ganzen Song auf der Bühne live gesungen hat? Jemand hat das einmal
behauptet.
Shaun: Er soll das gesungen haben?
B.S.: Ich habe es bis jetzt nicht gehört.
Shaun: Ich habe es niemals gehört. Ich kann mich nicht erinnern, dass er
das gesungen hat. Ich kenne davon nur die etwas schnellere Version, die
Ray Charles mal aufgenommen hatte. Aber ich habe das nie von Elvis gehört.
A.W.: Fallen dir überhaupt irgendwelche bis jetzt unveröffentlichte Songs
ein?
Shaun: Unveröffentlichte Songs? Nein. Die einzige Aufnahme, die ich noch
kenne, ist die Aufnahme, bei der wir alle um das Piano herumstehen und er
singt den Bass-Teil von "Let Me Be The One". Aber außer dem fällt mir gar
nichts mehr ein. Ich hab mir selbst schon den Kopf darüber zerbrochen,
aber ich kann mich an nichts erinnern, was wir aufgenommen haben und was
ich bis jetzt noch nicht gehört habe. Ernst Jörgensen hilft euch da
wahrscheinlich mehr weiter als ich.
A.W.: Wie du schon sagtest... es ist ja erst 20 Jahre her.
B.S.: Was war eigentlich mit dem Song "Aubray" (Elvis hatte Shaun in der
Closing Show vom 2. 9. 1974 bei diesem Lied auf der Bühne ähnlich wie bei
Softly sprachlich begleitet). Ich denke, das stammt im Original von der
Gruppe "Bread". Hat Elvis dazu jemals den Laed Part gesungen oder hat er
immer nur die paar Worte am Ende mitgesprochen?
Shaun: Soviel ich weiß, hat er lediglich immer ein paar Worte
mitgesprochen. Aber er wollte, dass ich dieses Lied ein paar Mal in seiner
Show singe. Ich habe die Aufnahme von 2.9.74 heute abend beim Meeting im
Programm. Auch "Bringin' It Back" hat er einmal mit mir zusammen gesungen.
Aber auch da hat er nur den Bass-Teil hin und wieder mit angestimmt. Ich
habe diese Aufnahme auch auf meiner Kassette "15 Years Of Memories". Ich
kann das heute abend auf der Bühne gerne mal vorspielen.
A.W.: Shaun, vielen Dank für das Gespräch.
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