Die Geschichte der Gospelmusik
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Die Geschichte der Gospelmusik

Zur Betrachtung dieser Musik sollte man auch die Begriffe kennen, mit denen in diesem Musikgenre operiert wird. Zieht man zur Unterscheidung der Begriffe "Gospel" und "Spirituals" ein deutsches Lexikon heran, so kann man folgendes lesen: Zu Negro Spiritual: Kurzform Spiritual, religiöser Gesang der Neger in den USA, als Folge der Berührung mit dem Christentum im 18. Jahrhundert entstanden.

Die Texte sind meist dem Alten Testament entlehnt und in die Vorstellungswelt des Alltags übertragen. Die Negro Spirituals sind anonyme Schöpfungen der Gemeinde, ursprünglich ohne instrumentale Begleitung, nur vokal (a capella), mitunter im Wechselgesang zwischen Vorsänger und Gemeinde vorgetragen... Das Negro Spiritual war ursprünglich eine der Quellen des Jazz.

Heute ist es durch den Gospel Song bei den amerikanischen Negern ersetzt. Zu Gospel Song: Evangelienlied der nordamerikanischen Neger, mit Jazzelementen durchsetzt; zuerst Gemeindegesang, dann aber auch solistisch, von Orgel, Gitarre oder anderen Instrumenten begleitet. Berühmte Gospel-Sänger sind Rosetta Tharpe, Marie Knight und vor allem Mahalia Jackson (aus Großes Bertelsmann-Lexikon 1984) Das "Handbuch der populären Musik", Leipzig 1987, sagt über den Gospelsong folgendes: "Wörtlich 'Lieder des Evangeliums', gospel = Evangelium: entstanden in der Mitte der zwanziger Jahre in den schwarzen Straßenkirchen der Ghettos amerikanischer Großstädte. Sie wurden von religiös engagierten Dichtern und Komponisten für den Gottesdienst in den zumeist in Läden eingerichteten Straßenkirchen geschrieben und bauten auf den Traditionen der afroamerikanischen geistlichen Musik, den Spirituals und Jubilees, auf.

 Die Gospel Meetings, wie die Gottesdienste hier auch genannt wurden, waren gezeichnet von den sozialen Härten des Ghettos und von einer fast fanatischen religiösen Inbrunst. In den Gospelsongs schlug sich das in der Intensität des emotionalen Ausdrucks nieder. Der erste bekannt gewordene Komponist von Gospelsongs war unter dem Namen "Georgia Tom" Thomas A. Dorsey (geb. um 1900), ein ehemaliger Jazz-Pianist, der Mitte der zwanziger Jahre für die Chicagoer Pilgrim Baptist Church später berühmte Gospel Songs wie "Precious Lord" oder "Peace In The Valley" zu schreiben begann. In ihnen verschmolz er die traditionellen Formen der schwarzen geistlichen Musik, mit dem swingenden Rhythmus des Jazz, der ostinaen Motorik des Boogie Woogie und Einflüssen aus dem Blues.

Damit schloss er die schwarze Kirchenmusik wieder an die zeitgenössische Musikentwicklung an, was nicht unerheblich zur raschen Verbreitung der Gospelsongs auch außerhalb der schwarzen Straßenkirchen beigetragen hat. Sie wurden zunächst von kleinen unabhängigen Blueslabels aufgenommen, gewannen ab Mitte der vierziger Jahre aber vor allem durch Sister Rosetta Tharpe und Mahalia Jackson einen wachsenden Einfluss im Schallplattengeschäft... Es gab aber auch eine weiße Gospelmusik, die ebenfalls Mitte der zwanziger Jahre in den Südstaaten der USA entstand udn später auf die Rockabilly genannte Stilrichtung des Rock'n´Roll nicht ohne Einfluss blieb... Arnold Shaw schreibt dazu in "Honkers & Shouters" (MacMaillan Publishing, New York, 1978; deutsch 1983 bei Zweitausendeins unter dem Titel "Die Geschichte des Rhythm & Blues":

Viele andere unabhängige Firmen fassten mit Gospelmusik im Schallplattengeschäft Fuß, ehe sie - oder zur gleichen Zeit als sie - auf den "schwarzen" Popmarkt von R & B vordrangen. Specialty Records, Los Angeles, nahm die Pilgrim Travelers, die Swans und die Soul Stirrers auf, die Gruppe, die Sam Cooke groß machte.... Man kann den Beitrag zur Gospelmusik zur Entwicklung des R & B gar nicht überschätzen.

Die meisten schwarzen Künstler fingen wie Dinah Washington damit an, dass sie in der Kirche sangen, Sam Cooke, Clyde McPhatter, Lloyd Price und Jackie Wilson begannen als Gospelinterpreten. Die Five Royales, die Dominoes, die Dells und Gladys Knight & The Pips fingen alle als Gospelgruppen an. Trotz dem alten Streit zwischen dem Blues als "Teufelsgesang" und dem Gospel als "Gottesgesang" gibt es von der Wurzel her eine Verbindung zwischen schwarzer Religion und Bluesgesang. Dieser Zusammenhang wurde offenkundig in der Arbeit von Thomas A. Dorsey, der als Begleiter von Bessie Schmith und Ma Rainey begann und später mit der Gospelsängerin Sallie Martin und der großen Mahalia Jackson auf Tournee ging. Dorsey wurde zur Zentralfigur im goldenen Zeitalter des Gospel (1945-60), nicht nur neben Sallie Martin als Mitorganisator der jährlichen Gospel Singers Convention, sondern auch als Autor von "Precious Lord", "Peace In The Valley" und anderen überzeugenden Gospelsongs. "Precious Lord" ist in 32 Sprachen übersetzt worden, und Elvis Presley und Red Foley verkauften jeder eine Million Platten von "Peace In The Valley"...

Die Verquickung von Gospel und Blues wird deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass Dorsey seinen Gospelgesang "I Surely Know There's Been A Change In Me" aus der Jazz-Melodie "There'll Be Some Changes Made" entwickelt hat und dass später Ben E. King in Zusammenarbeit mit Leiber und Stoller Dr. C.H. Tindleys Kirchenlied "Stand By Me" in den weltlichen Song umarbeitete, der 1961 ein Pophit wurde... Die Gospelmusik jedoch brachte jene faszinierende Vitalität in den R & B, durch die er sich klar von der Popmusik unterschied - und auch vom Jazz, der nach dem Zweiten Weltkrieg intellektuell und kühl wurde und zur Bildungsmusik tendierte. Der Krieg selbst spielte eine wichtige Rolle; er löste starke religiöse Empfindungen aus, auch wenn er gleichzeitig hemmungsloser Lebensgier Tür und Tor öffnete. ELVIS Nachdem Elvis im Jahre 1957 vier religiöse Lieder auf der EP "Peace In The Valley" herausgebracht hatte, erfüllte er sich im Herbst 1960 einen Herzenswunsch. Er nahm genug Lieder dieser Art auf, um eine ganze Langspielplatte damit zu füllen.

Biograph Jerry Hopkins schreibt in seiner (inoffiziellen) Elvis-Biografie von 1971 dazu: Es war logisch, dass Elvis ein Album mit Kirchenliedern und Hymnen aufnehmen würde, weil das seine Lieblingsmusik war. Gordon Stoker sagt, Elvis, die Jordanaires, seine Freunde und seine Familie sangen diese Lieder oft sechs oder acht Stunden lang ohne Unterbrechung. Elvis selbst sagte einst, er kenne jede Hymne, die je geschrieben worden sei. His Hand In Mine war eine exzellente LP, die Elvis die Gelegenheit gab, die Lieder zu präsentieren, die er zu Hause am Klavier sang. "His Hand In Mine" war nie das, was man als "smash hit" bezeichnen könnte, verkaufte sich aber munter für fast ein Jahr, blieb lange genug in den Charts, um sich für eine Goldene zu qualifizieren."

Gordon Stoker, der Chef der Jordanaires, schrieb mir auf meine Bitte hin ein paar Gedanken zu dieser Session in seinem Brief vom 30. November 1992: "Betreff: His Hand In Mine LP... Elvis liebte religiöse Lieder und konnte ein Lied stundenlang singen.... sang jeden Part und leistete dabei gute Arbeit. Meistens spielte er Klavier, manchmal spielte ich, er sang über meine Schulter hinweg... oder der Pianist spielte, der gerade bei der Session anwesend war. Er war mehr er selbst, wenn er religiöse Lieder singen konnte. Er kannte "Working On The Building" nicht, wollte es aber aufnehmen... deshalb hört man mich lauter als ihn, weil er wollte, dass ich die Melodie mit den Worten tragen sollte. Er hatte eine solche großartige Einstellung zu allem. Von den religiösen Liedern, die wir mit ihm gemacht haben... ist "Known Only To Him" mein absoluter Favorit... Elvis fühlte die Worte des Liedes regelrecht. Die Arbeit, die er bei "Joshua Fi The Battle" leistete, war unglaublich... er hatte sich die Aufnahme der Jordanaires einige wenige Male angehört und es dann aufgenommen... ohne Textvorlage. Das ist nicht leicht, kann ich Ihnen sagen".

Elvis' musikalische Wurzeln lagen bei den religiösen Liedern, den Gospels und Spirituals, die er schon in früher Kindheit im Radio, aber auch durch seine Eltern und durch die schwarzen Mitbürger kennenlernte. Die Spirituals stammen aus der Zeit, als die Schwarzen aus ihrer Heimat Afrika nach Amerika gebracht wurden und dort als Sklaven ein freudloses Dasein führten, sind also oft voller Schmerz und Leid in ihren Texten, sprechen vom besseren Leben nach dem Tode (z.B. in "In My Father's House") - obwohl es auch hier fröhliche Lieder gab. Die Komponisten, Texter und der genaue Ursprung sind meist unbekannt, während die Gospelsänger relativ jung sind; erst Mitte der zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts wurden die ersten geschrieben.

Hier wäre zum wiederholten Male Thomas A. Dorsey zu erwähnen, ehedem als Bluessänger Georgia Tom bekannt, dessen bekanntesten Kompositionen "Peace In The Valley" und Take My Hand Precious Lord", 1957 auch von Elvis eingespielt wurden. Durch diese Ursprünge hat man in den Vereinigten Staaten ein anderes Verhältnis zur religiösen Musik als in Europa - sie ist drüben viel populärer als bei uns. Elvis hatte ein Faible für Gospels und Spirituals und sang sie mit einer Inbrunst, die man in jedem Lied dieser Art spürt. Selbst bei normalen Aufnahmesitzungen im Studio pflegte er sich mit dieser Art Lied aufzuwärmen, in Stimmung zu bringen. Wenn er nicht diesen Erfolg im Rock'n´Roll und in der Popmusik gehabt hätte, sagte Elvis bei anderer Gelegenheit, wäre er bestimmt Gospelsänger geworden.

Fast hätte das 1954 auch geklappt, als er bei den Songfellows als Sänger einsteigen sollte, weil ein Mitglied dieser Gruppe ausscheiden wollte. Doch er überlegte sich das im letzten Moment doch anders, blieb - und für Elvis zerrann ein Traum. Kurz danach machte er seine erste Platte und...... Die Aufnahmen für die erste Langspielplatte mit Gospels und Spirituals fanden am 30. und 31. Oktober 1960 in den RCA Studios in Nashville statt. Elvis wurde von Scotty Moore und Hank Garland an der Gitarre, von Bob Moore am Bass, von Floyd Cramer am Piano, von Boots Randolph am Saxophon und von D.J. Fontana und Buddy Harman am Schlagzeug begleitet. Gesangliche Unterstützung erhielt er von den Jordanaires und Millie Kirkham.